„Kulturkampf“ und Neologismen
Redebeitrag zu Wortneuschöpfungen innerhalb der rassistischen Debatte.
(gehalten auf der „Norwegen-Soli-Demo, 3. August 2011 / „Freiheit ist nicht wählbar!“, 26. August 2011)
Dieser Beitrag soll die Begriffe „Islamismus“ und „Islamischer Fundamentalismus“ im deutschen Sprachgebrauch kritisch betrachten und die Konstruktion dieser Begriffe als nicht authentisch und tendenziös entlarven.
Die aus westlicher Perspektive festgelegten Definitionen und Auslegungen durch sog. „Islamexpert*innen“ und Akteur*innen, die diese Vorlagen nutzen, um konkrete Politik der sozialen Ausgrenzung und rassistische Polemik zu betreiben, soll als Teil der europäischen, rechtspopulistischen Agitation entblößt werden. Wir hoffen, auf diese Weise den interkulterellen Austausch ein klein wenig von Vorurteilen zu bereinigen, um eine echte, offene und angstfreie Kommunikation zwischen den Menschen anzuregen.
Insbesondere seit den Anschlägen vom 11. September und der zunehmenden Entwicklung des Krieges „gegen den Terrorismus“ finden kontroverse Neologismen wie „Islamismus“, „Islamischer Fundamentalismus“ und „Islamfaschismus“ unreflektiert Zugang in den täglichen Sprachgebrauch. Diese konstruierten Begrifflichkeiten haben sich in der öffentlichen Debatte der Medien und der Politik als ein geeignetes Instrumentarium der Meinungsbildung bewiesen, da die ihnen immanente
Perspektive keine objektive, sondern eine westlich ethno-zentristische ist .
Umgekehrt bedeutet die Debatte eine zunehmende Politisierung der semantischen Islam-Begriffe zu schlagwortartigen Kampfansagen wie „Clash Of Civilisations“.
Die dabei wachsende Hysterie ist unter anderem ein Ergebnis des unsachlichen und unwissenschaftlichen Gebrauchs von Fanatasiekonstrukten, aber auch ein eindruckvolles Beispiel dafür, dass Sprache ein nicht zu unterschätzendes, politisches Mittel zur Schaffung geamtgesellschaftlicher Stimmungen darstellt.
1) Aufschlussreich hierfür ist der Blick auf die deutsch- und arabischsprachigen Wikipedia-Seiten, deren Beiträge wegen ihrer offenen Strukturen zwar sachlich falsch sein mögen, aber gerade deswegen das aktuelle Bild dessen spiegeln, von dem der Durchschnitt des jeweiligen Sprachgebiets glaubt, es sei die Wahrheit.
Auf der deutschsprachigen Seite wird sich bei der Definition des Wortes „Islamismus“ fast ausschließlich auf den prominenten Islamwissenschaftler und -kritiker Tilman Nagel bezogen, der da schwadroniert, eine Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus sei „ohne Erkenntniswert“. Er argumentiert, dass der Islam somit „von Hause aus“ fundamentalistisch sei. Historisch begründet er diese Behauptungen: „Die Anwendung von Gewalt zur Selbstbehauptung und dann zur Unterwerfung anderer Gemeinschaften, die eben nicht islamische waren, ist demgemäß ein wesentliches, wenn nicht das wesentliche Merkmal der Geschichte des Wirkens Mohammeds in Medina.“
Die Titel der Veröffentlichungen des Herrn Nagel lesen sich wie spannende Historienkrimis: „Mohammed auf der geraden Strasse – Sendungsbewusstsein, religiöse Konkurrenz und Machtpolitik“, „Gewalt gegen Andersgläubige – Über die Dynamik des Radikalismus im Islam“, „Kämpfen bis zum endgültigen Triumph – Über Gewalt im Islam“.
Nagel ist ein Mitglied der Freimaurerloge.
Weiter heißt es bei Wikipedia:
Der niederländische Schriftsteller Leon de Winter betrachtet den Islamismus als den „Faschismus des 21. Jahrhunderts“, den er mit Terrorismus gleichsetzt:
„Nach dem linken Faschismus der Sowjets, nach dem rechten Faschismus der Nazis, ist der Islamismus der Faschismus des 21. Jahrhunderts.“
Dass es sich hierbei um einen Anti-Kommunisten handelt, steht außer Frage, aber de Winter ist darüber hinaus Befürworter der Folter in Guantanamo und der Todesstrafe.
Die Autor*innen des deutschen Wikipedia-Beitrags beziehen sich also auf einen akademischen, islamphobischen Freimaurer und einen Befürworter der Folter und der Todesstrafe.
Des Weiteren erfahren wir, dass „der „Islamismus“ kein Terminus der islamischen Tradition sei, er behandle vielmehr ein „Problem“.
Die Leser*innen nehmen also folgende Informationen mit: Der Islam ist nicht zu unterscheiden von dem sog. Islamismus, welches wiederum der “ Faschismus des 21. Jahrhunderts“ und gleichzusetzen mit Terrorismus ist. Abgesehen davon, dass dies schon dem Rufmord einer 1,6 Milliarden Menschen umfassenden Glaubensgemeinschaft gleichkommt, werden die Opfer des Nazifaschismus verhöhnt und ihre Leiden relativiert.
Doch was sagt das arabischsprachige Wikipedia beim Verweis des „Islamismus“?
Zitat: „Politischer Islam: Worte des medialen und politischen Terminus um politische Bewegungen zu beschreiben, die an den Islam als Methode der Lebensführung glauben. Dieser Terminus wurde seit dem 11. September zunehmend in der Propaganda für den Krieg gegen den Terrorismus benutzt.“Zitatende
Das bedeutet, die arabischsprachigen Wikipedianer haben sich auf folgendes geeinigt:
1) Das Wort „Islamismus“ gibt es in der arabischen Sprache nicht und wird mit „politischer Islam“ umschrieben.
2) Im innerislamischen Dialog existiert das Wort nicht, sondern wird als externe Beschreibung durch Politik und Medien aufgefasst.
3) Der Begriff wird nicht nur als außerarabisches Konstrukt, sondern als Mittel der westlichen Propaganda bezeichnet.
4) Der Islam wird als Methode der Lebenführung begriffen.
Weiter heißt es sinngemäß, dass aus der Sicht der Muslim*innen der Gebrauch dieses Wortes von einem Mangel an Verständnis der islamischen Philosophie zeugt.
Das westliche Konzept des politischen Islams könne als ein Satz von Ideen und politischer Ziele definiert werden, die aus der Scharia stammen und von einer Gruppe verfolgt werden, die die westlichen Medien als „muslimische Extremisten“, die glauben, dass der Islam keine Religion, sondern ein politisches, soziales und ökonomisches System sei, bezeichnen. ( die Übersetzung ist ein wenig holprig, da aus dem arabischen ins englische, dann ins deutsche).
Die arabische Lexikongemeinschaft definiert das westliche Verständnis des politischen Islams richtig, distanziert sich aber davon als Verkürzung in Folge mangelnder Auseinandersetzung mit der islamischen Philosophie.
Damit trifft sie die Wahrheit: Mit diesen neueingeführten Begriffen werden westliche Denkschemata auf die „fremde“ Kultur dumm-dreist übergestülpt. Der Faschismus ist und bleibt die gesellschaftliche Ausformung des entfesselten, westlichen Kapitalismus.
Auch der geistige Müll, den manche westliche sog. Bildungsbürger produzieren und der faschistoid klingende Namen wie „Kämpfen bis zum endgültigen Triumph“ trägt, zeugt eher von der hegemonialen, christlich-europäischen Herrschaftslogik als von einer tieferen Kenntnis der anderen Weltreligion.
2) Es geht hier nicht darum, nachzuweisen, dass der Islam NICHT politisch ist. Dies ist eher eine relative Sache: ist der Islam als Politik und Religion verbindende Ideologie zu betrachten, so muss sich auch das Christentum die Bezeichnung „Christianismus“ gefallen lassen. Um diese Fragestellung aufzulösen, muss man erst den Terminus „Islamischer Fundamentalismus“ klären. Auch hier wird ein christlich-westliches Muster angewandt: religiöser Fundamentalismus bezeichnet explizit eine orthodoxe Strömung des protestantischen Glaubens. Davon abgeleitet wird die streng dogmatische Koranauslegung fälschlich als „Islamischer Fundamentalismus“ benannt. Halten wir an dem objektiveren Begriff der Orthodoxie und dementsprechend der „orthodoxen Muslim*a“ fest, fragt sich, was diese von den sonstigen Islamgläubigen unterscheidet.
Während ihre unorthodoxen Glaubensgenoss*innen Religion als Privatsache sehen, fordern sie einen islamischen Staat und den Koran als Orientierung für politisches und soziales Verhalten. In der Tat lassen sich hier Ähnlichkeiten zu manch innerkirchlichen reaktionären Strömungen ausmachen, die analog dazu einen unsäkulären christlichen Staat und die Bibel als Orientierung für politisches und soziales Verhalten einfordern. Doch dies belegt nur Parallelen der monotheistischen Glaubensideologien und dass jegliche christlich motivierte Religionskritik an die Adresse des Islams unangebracht und Heuchelei ist.
Würden Vertreter der Bildungsschicht eines muslimischen Landes daherkommen und aufgrund der Existenz des christlichen Fundamentalismus darauf schließen, dass ALLE Christen auf der Welt „von Hause aus“ fundamentalistisch und gewaltbereit seien, um dann den globalen „Christianismus“ als Terrorismus und Faschismus des 21. Jahrhunderts zu verleumden – dann würde hier aber ganz schnell der Kreuzzug zum „Clash of Civilisations“ ausgerufen werden
3) Dass sprachliche Diffarmierung lediglich ein Auftakt zur gesetzlichen Diskriminierung und sogar zur Änderung der Verfassung sein kann, hat uns die mediale und politische Hetzkampagne gegen Flüchtlinge in den 90igern eindrücklich bewiesen.
Sämtliche Zeitungen aller Coleure berichteten von „Asylantenwellen“, die über Europa hereinbrechen würden. Die Zeit titelte: „Berlin stöhnt unter einer Asylantenschwemme“, „das Boot“ war plötzlich „voll“, „Kriminelle Scheinasylanten“ stellten mit einem Mal eine existenzielle Bedrohung dar. Schnell wurde auf diese Weise eine Stimmung der Feindseligkeit und Angst geschaffen. Flüchtlinge trauten sich nicht mehr auf die Straße, das Fahren mit der S-Bahn als Ausländer*in gewann einen völlig neuartigen Nervenkitzel.
Der reiche Westen hatte Angst vor dem armen Osten, gemeinsam fürchteten die Deutschen um ihre Arbeitsplätze und den Tag, an dem „die Flut der Asylanten“ durch die Mauern um Europa brechen würde.
Mit ihrer Politik der Angst holte sich die damalige Regierung so die Zustimmung der deutschen Bevölkerung für die Abschiebepraxis gegenüber“Wirtschaftsasylanten“, die Akzeptanz für die bis heute geltenden Flüchtlingsgesetze, die entrechten, entwürdigen und potenziell tödlich sind. Und schließlich wurde 1993 die starke Einschränkung des Artikels 16 des Grundgesetzes, das Recht auf Asyl, und die Bestätigung der Verfassungsänderung 1996 durch das Oberste Verfassungsgericht
von großen Teilen der deutschen Gesellschaft stillschweigend hingenommen.
Welche Wirkung die politisch motivierte mediale Hetzkampagne gegen Schutzsuchende auf das gesellschaftliche Klima damals hatte, lässt sich am eindeutigsten an dem Bild brennender Menschen in brennenden Häusern festmachen. Die Medien, das Instrument der „Meinungsfreiheit“, traten damals und treten heute wieder als Akteur*innen der Propaganda auf, diesmal gegen den Islam.
Sie sind die Urheber vieler rassistischer Wortschöpfungen und zu Schlagzeilen verballhornten Rassismen. Zeitschriften wie der Stern, Focus und Spiegel titeln: „Wie gefährlich ist der Islam?“ oder „Mekka Deutschland – die stille Islamisierung“ und schüren so den derzeitigen reaktionären Diskurs maßgeblich und sind somit genauso geistige Brandstifter wie ihre Kameraden aus der Politik.
Benannt sei hier Wolfram Weiner, Chefredakteur des Focus-Magazins, der der „allgegenwärtigen Islamisierung“ und dem „Djihad“ in einem Leitartikel seines Drecksmagazins den Kampf ansagt, aber beklagt, dass „wir im Widerstand gegen den Islamismus selber eher feige aussehen“.
Oder Henryk M. Broder von der „Welt“, der „Hurra, noch kein Ehrenmord diese Woche!“ jubelt. Getoppt wird dies alles von Matte Lehming aus dem Hause „Tagesspiegel“. Er findet, dass „Guantanamo im Vergleich zu den Folterkellern der iranischen Mullahs, des syrischen Diktators und des lybischen Despoten eine Art Club Mediterranee“ seien. Zu dem Jubel über die unrechtstaatliche Hinrichtung von bin Laden befindet er:“Wer sagt, ein Christ dürfe sich nicht freuen über die Tötung eines Feindes der Menschheit, spricht ihm das Recht ab, aktiv für Frieden zu streiten.“
Hier wird eine Dämonisierung des Islams und in folge dessen muslimischer Menschen betrieben, die an menschenverachtender Polemik kaum zu überbieten ist und nach Brandsatz riecht.
Auch die aktuelle Tragödie in Norwegen gab der Presse Anlass, ihr rassistisches Gift zu verbreiten, indem wilde Mutmaßungen angestellt wurden. So der Spiegel Online: „Wenn die Explosion vom Freitag tatsächlich auf al-Qaidas Konto geht, wäre es der erste Anschlag im Westen seit den Bomben in der Londoner U-Bahn 2005 – und der erste seit dem Tod Osama Bin Ladens.“
Die Welt.de titelt: „Norwegen ist Zielscheibe von Islamisten“, darunter das Foto eines finsteren, schwarzbärtigen „Terroristen“, nach dem „bösen Kommunisten“ die neue Stereotype und Schreckgespenst der westlichen Welt.
Dass die Bluttat eines Menschen, der mit Sprengstoff und Feuerwaffe dasselbe ideologische Ziel verfolgte wie diese Instinktjournalist*innen, nun ausgeschlachtet wird, um neuerlich genau die Progromstimmung zu schüren, die zu dem Massaker in Oslo geführt hat, zeugt entweder von eiskaltem Kalkül oder von völliger geistiger Umnachtung.
4) Oslo ist das Ergebnis eines spezifisch europäischen, gesamtgesellschaftlichen Prozesses – und keine Einzeltat.
Die geistige Einheit von Politik, Kirche, Medien und der öffentlichen Meinung konstruiert ein „Wir“ der „jüdisch-christlichen“ Wertegemeinschaft, in das selbst progressive Bewegungen wie die der Schwulen oder die der Feminist*innen eingespannt werden können.
Wenn wir nicht als die Teile der Gesellschaft handeln, die zwischen säkularer Religionskritik und rassistischer Hetze unterscheiden können, gemeinsam und auf allen Ebenen, in den Medien, in der Politik und in unserer unmittelbaren Umgebung, wird sich Oslo wiederholen.
Handeln bedeutet in diesem Fall aber in erster Linie, die von oben gezogenen Grenzen zwischen uns zu sprengen und die Freundschaft zueinander zu suchen. Denn Freunde zu spalten ist viel schwieriger, als ewig fremde Nachbarn aufeinander zu hetzen.
Zusammen Handeln bedeutet, die rassistische Hetze als Verdummungsstrategie der privilegierten Klasse zu entlarven, die sich vor sozialen Unruhen schützen möchte. Dem müssen wir die Aufklärung über das Erstarken der kapitalistischen Verwertungsideolgie entgegensetzen, die sich gegen ALLE richtet, die nicht zum Brutto-Inland-Produkt beitragen.
Es bedeutet aber auch, die Sprache als Hebel für tendenziöse Diskurse zu erkennen und wortschöpferische Brandsätze zu entschärfen, bevor sie Zugang in unseren Alltagsgebrauch finden. Dafür ist es unbedingt notwendig, sich mit beiden Kulturen differenziert auseinanderzusetzen, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.
Zum Schluss möchten wir noch auf die interessante Wortschöpfung „mit Migationshintergrund“ aufmerksam machen, oder noch besser „mit migrantischem Hintergrund“, aber am besten „Migrantengruppen“, eine Terminologie aus dem „Politcal Correctness“, auf das sich der deutsche Mainstream anscheinend geeinigt hat – ohne uns zu fragen!
Wir sind jetzt also „Deutsche mit Bewegungshintergrund“ – ganz ehrlich, da war „Ausländer“ besser weil ehrlicher. Obwohl viele von uns hier geboren sind, wurden wir als aus dem Ausland kommend, weil genetisch importiert, ausgegrenzt. Unser Gegenvorschlag wäre, die Wortschöpfung des Künstlers … zu übernehmen, der formulierte:“Ich bin Deutscher mit Desktop-Hintergrund!“
Und da das ziemlich viele Leute, die hier geboren sind, von sich sagen können, wäre es doch ein einendes Element für eine gemeinsame kulturübergreifende Identität.
Noch ein Dankeswort an Datafox, der uns mit seinem analytischen Beitrag „Begriff Islamismus“ im Internet übersetzerische und geistige Vorarbeit geleistet hat.
Zusammen Handeln gegen den gegenwärtigen rassistischen Diskurs und die soziale Spaltung.
Wir kommen von überall her, und wir lassen uns weder spalten, noch vertreiben!
Wir verabschieden uns mit revolutionärem Optimismus und einem:
„Hoch die internationale Solidarität!“.




