„Antiziganismus ist nach wie vor deutsche Normalität; leider auch viel zu oft im Behördenhandeln und -denken. Wir hoffen, dass die Staatsanwaltschaft Zürich wesentlich intensiver die vorgeworfenen Straftatbestände prüft und ein größeres Problembewusstsein gegenüber eines verstärkt wahrnehmbaren, beständig wachsenden Antiziganismus zeigt, als es die Berliner Staatsanwaltschaft für nötig befunden zu haben scheint.“, erklärt Dirk Stegemann, Sprecher der Kampagne „Zusammen handeln! Gegen rassistische Hetze und soziale Ausgrenzung!“ anlässlich der Eröffnung des Strafverfahrens gegen die Schweizer Weltwoche durch die Staatsanwaltschaft Zürich wegen der Hetze gegen Roma in der Ausgabe 14/2012.

Dirk Stegemann weiter:

„Es ist zu begrüßen, dass die Staatsanwaltschaft Zürich, die rassistische Propaganda der Zeitschrift „Die Weltwoche“ in ihrer Ausgabe 14/2012 nicht einfach hinnehmen will. Damit könnte sie aber auch die Berliner Staatsanwaltschaft brüskieren, die mit der antiziganistischen Aufmachung kein Problem hatte und die Ermittlungen schon im April schnell wieder einstellte. Ob die so genannte Antirassismus-Norm (Artikel 261bis STGB) in der Schweiz und deren Auslegung sich hierbei als wirksamer erweisen werden, wird sich zeigen.“

Dass die Weltwoche den Vorwurf des Rassismus entschieden zurückweist ist schon wegen ihrer Nähe zur rassistischen Schweizer Volkspartei (SVP) wenig glaubwürdig. Aber schon der Artikel selbst bietet hinreichend Argumente gegen die Schutzbehauptung der Weltwoche, sie habe mit dem Cover-Bild ‚präzis den Kern des Missstands, nämlich dass Roma-Banden bereits Kinder und Jugendliche zu kriminellen Zwecken missbrauchen‘ symbolisiert.

Stattdessen wurden unter der Überschrift „Die Roma kommen: Raubzüge in der Schweiz“ einige vermeintliche Ergebnisse von ‚Recherchen‘ dergestalt zusammengefasst, dass sie ein negatives Zerrbild der Realität konstruierten. Im Zusammenspiel mit dem Cover-Bild wurden einzelne Informationen dramatisiert und gezielt emotionalisiert. Grundprinzip des Artikel ist die vollständige Befreiung der Inhalte von Kontexten, Differenzierungen, Interessenunterschieden und Perspektiven. Sinnentstellend wird auf dem Cover ein mit einer Pistole spielender Roma-Jungen nicht aus der Schweiz, sondern  aus dem Kosovo gezeigt, der dort auf einer giftigen Müllkippe aufwachsen muss. Das verstärkt den Eindruck, dass durch eine reißerische Aufmachung, grobe Vereinfachung und tendenziöse Berichterstattung auf diskriminierende Art und Weise Vorurteile gegen Roma geschürt werden sollten.  Die Agentur, welche das Bild vertreibt, sieht die Verwendung des Fotos als Missbrauch  und dessen Aussage ins Gegenteil verkehrt. Auch die Rroma Foundation hat sich gegen eine Instrumentalisierung zur Vortäuschung von Objektivität durch die gezielt verfälschende und verkürzte Nutzung ihrer Informationen ohne Rückfrage gegenüber der Weltwoche verwahrt.

Schlimm genug, dass die Berliner Staatsanwaltschaft bei ihrer ‚Sinnermittlung aus der Sicht eines unvoreingenommenen und verständigen Durchschnittspublikums‘ diesen rassistischen Inhalt nicht wahrgenommen haben will. Da stellt sich dann bloß noch die Frage, ob diese ‚Unvoreingenommenheit‘ der Berliner Staatsanwaltschaft bereits Folge des rassistischen Normalzustandes ist. In jedem Fall scheint sie nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems bezüglich dieses rassistischen Normalzustandes in Deutschland zu sein. Darauf deutet auch die Antwort des Kölner Polizeipräsidenten auf unsere schriftliche Anfrage zu einem Interview eines Beamten in dieser Ausgabe hin. Offensichtlich bestehen hier keinerlei Berührungsängste mit einem Rechtsaußenblatt, das durch rechtspopulistische und rassistische  Stimmungsmache schon mehrfach aufgefallen ist. Das nachträgliche Bedauern, dass die „Kombination von Titelblatt und Interview“ dann „verwunderlicher“ Weise dem Anspruch der angeblich „präventivpolizeilichen Natur“ des Beitrages nicht gerecht wird, klingt dann zumindest unglaubwürdig; unabhängig davon, ob die Weltwoche bewusst Korrekturen vor der Veröffentlichung ignoriert haben könnte oder nicht.

In Deutschland scheint man aus der Geschichte nichts gelernt zu haben. Denn wieder einmal verweisen Institutionen wie auch der Deutsche Presserat als auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes auf ihre Nichtzuständigkeit, obwohl dieses Blatt durch die Swiss Post International Germany, Mitglied im Verband deutscher Zeitungsverleger, auch in Deutschland vertrieben wird. Ein Armutszeugnis nicht nur wegen der deutschen Geschichte, sondern auch angesichts des zunehmenden Antiziganismus auch in Deutschland.“